Rezepte, Geschichten und Solidarität an einem Tisch.

Die Menschen sind in Libyen oder Tunesien auf ein Boot gestiegen. Meist haben sie Jahre voller Flucht, Diskriminierung und Gewalt hinter sich. Vor ihnen steht ein Asylverfahren, das immer unmenschlicher wird. Die Zeit nach der Rettung ist eine große Chance, Menschlichkeit zu zeigen. Sara, Ismail, Omar, Ibrahim, Raja … zu zeigen, dass sie willkommen sind. Was zeigt das besser, als gemeinsam an einem Tisch zu sitzen und zu essen?

An Bord des Seenotrettungsschiffs Humanity 1 spielt Essen eine wichtige Rolle. Es ist eine Art, Wertschätzung zu zeigen. Das Team kocht Gerichte aus den Regionen, aus denen die Überlebenden stammen. Rezepte werden von den Menschen an Bord gesammelt und später als Abendessen zubereitet. Während der Essensausgabe läuft Musik aus den jeweiligen Regionen. Crew und Überlebende essen gemeinsam.

Alle sitzen an einem Tisch.

Machen wir diesen Tisch noch größer und laden die Leser*innen ein, die Rezepte nachzukochen – und so die Geschichten der Menschen kennenzulernen.

Rezepte, Geschichten und Solidarität an einem Tisch.

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Leben und Freundschaften auf einem Seenotrettungsschiff

Fünf Wochen auf engstem Raum, 28 Menschen, kein Rückzugsort. Das Leben auf einem Seenotrettungsschiff ist ein Paralleluniversum, in dem Vertrautheit nicht in Wochen, sondern in Stunden gemessen wird. Man teilt sich eine Kajüte mit Fremden und führt Gespräche von einer Intimität, für die sonst Jahre nötig wären.

Doch es ist nicht nur die räumliche Enge, die diese Beziehungen so besonders macht. Es sind die Extremsituationen. An Bord erlebte ich, wie Menschen nach stundenlangen Wiederbelebungsversuchen starben. Dieser Anblick wird mir nie vergessen gehen: wie sich die Crew unermüdlich ablöste, um um ein Leben zu kämpfen. Eine Erinnerung, die den einzigartigen Zusammenhalt zeigt.

Als die Überlebenden am nächsten Tag von Bord gingen, weinten wir gemeinsam – um die Verstorbenen.

Ich möchte den SZ-Magazin Leser*innen von diesen Beziehungen erzählen: von denen innerhalb der Crew, von denen zwischen Crew und Überlebenden – und von den Freundschaften zwischen den Geretteten, die teilweise seit Jahren gemeinsam auf der Flucht sind.

Werden noch weniger Frauen die europäische Grenze überqueren?

GEAS-Pakt und die Bedeutung für Frauen auf der Flucht. Was bedeutet die “neue Härte”? 

„Es kommen ja nur junge Männer an.“ Aber warum? Was bedeutet es als Frau, über das Mittelmeer zu fliehen? Würdest du als Mutter deine Kinder auf ein Schlauchboot setzen?

Im Sommer wird der GEAS-Pakt umgesetzt. Doch was bedeutet diese neue Härte für Frauen auf der Flucht? Werden noch weniger Frauen die europäische Grenze überqueren können?

So wie es oft ist: In Deutschland wird sich gerne beschwert. Während sich viele über die jungen Männer echauffieren, wird selten ein Licht auf die Frauen geworfen. Ja, es kommen mehr Männer über die Mittelmeerroute nach Europa. Das liegt auch daran, dass die EU libysche Behörden finanziert, denen schwere Gewalt vorgeworfen wird.

Frauen auf der Flucht durch Libyen sind systematischer sexueller Gewalt, Folter und Menschenhandel ausgesetzt – besonders in den libyschen Migrationshaftzentren, die in UN-Berichten als „abscheulich“ beschrieben werden. In diese Zentren werden Menschen häufig von der sogenannten libyschen Küstenwache gebracht. Frauen und Mädchen erleben dort Ausbeutung, Zwangsarbeit und werden oft von ihren Familien getrennt, während die europäische Grenzpolitik diese Menschenrechtsverletzungen durch die Unterstützung und Finanzierung libyscher Behörden mit ermöglicht und verschärft.

Leseprobe

Sie saß wie erstarrt am Rand des Schlauchbootes, ihre Augen starrten leer. Panik umgab sie, Menschen kletterten übereinander. Ein Baby weinte, es klang aber mehr wie ein Kreischen einer erwachsenen Person. Schrill und um ihr Leben schreiend. Das Boot bog sich im Meer wie ein Blatt Papier und stoß die Menschen hin und her. Alle zehn Sekunden verlor ich aufgrund der hohen Wellen und dem Chaos den Blickkontakt zu ihr. Ich verlor sie völlig aus den Augen und hoffte, dass sie irgendwo unter den Überlebenden war. 

Die Stunden vergingen wie Minuten – es ist so viel passiert. Ein medizinischer Notfallplan wurde aktiviert. Alle Überlebenden litten unter Unterkühlung und Dehydrierung. Niemand konnte selbstständig gehen, mehr als die Hälfte war gar nicht in der Lage zu laufen. Wir gaben Tee, Decken und Wärmflaschen aus und stellten sicher, dass Menschen wie Omar, die immer wieder bewusstlos wurden noch atmenden. Währenddessen schlug der Bug gegen die Wellen, alle halbe Minute ein kurzer freier Fall, bei dem die Organe für einen Moment im Brustraum stecken blieben. Der Horizont war nicht mehr horizontal. 

Endlich hatte ich Zeit, um nach ihr zu sehen. Als ich Raja* (Name geändert) ansprach, lächelte sie mich an. Sie war eine der wenigen, die saß. Ich hielt ihre Hand: „Wie geht es dir?“, fragte ich. „Gut“, antwortete sie. Wir sprachen beide gebrocheneres Arabisch. Nach einer Weile – ich weiß nicht, wie lange- konnten wir sie und die Mutter mit dem Baby endlich in den Frauenbereich bringen. Aber sie war immer noch zu schwach, um zu duschen. Sie lag im Bett und schloss die Augen, während das Baby aufgrund seiner verbrannten und offenen Haut, schreite. Ich half der Mutter die Windeln anzuziehen. Es dauerte noch mindestens weitere fünf Stunden, bis die medizinischen Notfälle evakuiert werden konnten und so auch die Mutter und ihr kleiner Sohn. Es war plötzlich bedrückend Still in der Frauenunterkunft. Aber endlich hatte ich Zeit, einfach Rajas Hand zu halten und neben ihr zu sitzen. 

In dieser Nacht schlief ich nicht und immer wieder schaute ich nach Raja. Am nächsten Tag nahm sie meine Hand, lag sie auf ihre Narbe am Oberarm und sagte nur: „Libyen. Männer.“ Die Narben auf ihrem Arm zeigten, wie Finger sich in ihre Haut gegraben hatten. In meinen Kopf kamen die Bilder in mir wieder hoch und dieses Gefühl, als ich selbst von einem Mann gewaltsam festgehalten und auf den Boden gedrückt wurde. Aber ich konnte entkommen, sie nicht. Die Vorstellung, was sie in Libyen durchgemacht haben muss, schmerzt. Sie nahm meine Hand und berührte damit die anderen Narben, ohne Worte, aber uns gegenseitig verstehend…

Wann immer ich die Gelegenheit hatte, ging in in den Frauenbereich. Raja konnte nichts essen. Als es Zeit war vom Schiff zu gehen, saß ich neben ihr, hielt ihre Hand, während sie ihrem Kopf an meine Schulter lehnte. Rajas Kopf fühlte sich so schwer an, es gab mir einen Stich ins Herz, aber ich war froh in diesem Moment genau hier zu sein. 

Als die italienischen Behörden an Bord untersuchten sie Sanitäter*innen. Ich stellte mich vor sie und schütze sie vor Blicken, bis sie ihr Kopftuch wieder aufsetzen konnte. Ich brachte sie zur Gangway, umarmte sie und Raja ging in Italien an Land; sie betrat eine Europäische Union, die ihre Vergewaltiger finanziert. 

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