

Sie sprechen von einer Flüchtlingskrise.
Sie malen ein Bild einer unkontrollierten Invasion.
Sie sprechen von der Situation im zentralen Mittelmeer.
Aber was Sie auslassen:
Dass Sie es sind, die die Krise verursachen. Sie sind es, welche Menschen beim Ertrinken zuschauen. Sie sind es, die Pushbacks ermöglichen. Sie zahlen das Gehalt der Milizen, kaufen die Schlagstöcke, die Boote und die Waffen.
Sie wollen, dass wir das Narrativ der Krise aufrechterhalten, weil sie damit Angst machen können. Weil sie so mit ihrem Populismus die Bevölkerung auf ihre Seite ziehen.
Also lasst uns aufhören, die Situation an den europäischen Außengrenzen als „Krise“ zu bezeichnen. Denn das spielt den rechten Parteien in die Karten. Es ist keine Krise. Es ist pure Ignoranz und Rassismus.
Denn zivile Seenotrettung ist kein „Hippiekram“, es ist nicht kriminell – wie es Sassa, eine Journalistin, die mit mir auf der Humanity 1 war, oder Maike klarstellt: „Einem ertrinkenden Menschen die Hand zu reichen, ist das Natürlichste auf der Welt. Die Pflicht zur Seenotrettung ist keine neue Erfindung und im internationalen Recht verankert.
Ich bin Elli und freiwillige Fotografin auf Seenotrettungsschiffen und in Monitorflügen. Meine Aufgabe ist es, die Situation festzuhalten und durch Bilder, Videos und Geschichten die Menschenrechtsverletzungen zu dokumentieren.
Ich nehme euch jetzt mit auf eine Rotation – mit Zitaten der Crew und der geretteten Menschen an Bord. Jeder hier ist nun Teil der Crew, weil – wie Ben, der Kapitän der Sea-Eye 5, sagt: „We can’t look away. We have to do something!“
„Willkommen an Bord. Ich bin Javi, euer Kapitän. Jede einzelne Person der dreißigköpfigen Crew ist ein wichtiger Teil des Schiffes: von den Ingenieur*innen über die Seefahrer*innen auf der Brücke bis zum Rettungsteam auf den kleinen Rettungsbooten, den Medics, dem Care Team und der Küche.“
Chiara, Head of Mission, eröffnet das erste Briefing: „Wir hier auf dem Schiff sind keine White Saviors. Wir sind hier, um die Lücke zu schließen, die die EU hinterlässt, und Solidarität mit den Menschen auf der Flucht zu zeigen.“
Am Tag 14 kommen wir nach intensiven Trainings im Einsatzgebiet an, und am Nachmittag schallt der Funkspruch:
„All Crew, All Crew, All Crew – Ready for Rescue!“
It’s a black rubber boat – sponson intact – fuel smell – unclear – overcrowded – crowd condition calm – no life-saving equipment – I confirm the distress case.
No unconscious person – 34 people – 4 women – 1 pregnant – „Sea-Watch 5, Sea-Watch 5 – Alpha“ – „Alphe – go ahead“ – „we are on our way back to the ship.“
„Elli, can you talk about Sudan! I have the feeling the whole world is ignoring us. I’m from El Fasher, the hotspot for the war“, sagt Osama. Im Sudan herrscht die größte humanitäre Krise der Welt, während Österreich im Mai einen neuen Deal mit den UAE abschließt, die den Krieg im Sudan befeuern – um auf die Gold- und Gasressourcen zuzugreifen.
„In Libyen haben sie mich auf den Kopf geschlagen, die Rippen gebrochen, an den Füßen aufgehängt, und wir bekamen kaum etwas zu essen.“ Ein Zitat, das man häufig hört. Filimore wurde nach Ankunft ins Krankenhaus eingeliefert.
„Wo ist mein Bruder? Er trug ein T-Shirt mit einem Adler darauf und eine Jeans. Er ist nicht an Bord.“ Er hat es mit sechs weiteren Personen nicht auf das Schiff der Humanity 1 geschafft und gilt als vermisst. Zwei Personen sind an Bord verstorben. Allein in diesem Jahr gelten über sind über 2.600 Menschen verstorben oder gelten als vermisst. Während Frontex den Rückgang der Ankünfte feiert.
We were entering the port and one of the survivors asked Javi: „Why is there so much police? We are not criminals.“
“They always ask me about the boat drivers, because they want to put them in prison. That’s how they criminalize the right of asylum and put them in jail without even a fair trial.“ Julia
Joan: “I always asked myself these questions: What are we doing here? We can’t win! But for the 52 people we disembarked in Italy, it was a win. They can go on in their way to fight for their own will. Focusing on this keeps me going. It is difficult – it was difficult – but there is a lot of ships keeping on succeeding, and there is also a lot of people on land who support us and think that what we are doing in fighting for freedom of movement is the right way. At the end, we are a tiny flag in the middle of a fire, but we are still a tiny!”
Bildet Banden! Redet mit eurer konservativen Tante.
Bildet Banden! Und geht ins nächste Wirtshaus und sprecht über EUs Außengrenzen.
Bildet Banden! Gegen den Rassismus hier im Land.
Bildet Banden! Und zeigt Solidarität mit People on the Move!
DANKE MARLO, für deinen Support.
Der Text wurde für das Konzert von Marlo Grosshardt in Wien geschrieben, um für Sea Eye auf die Situation im zentralen Mittelmeer aufmerksam zu machen.
Text: Elisabeth Sellmeier